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22.9.2025

Erinnerungen an 2015

Handgeschriebene Tagebuchseite, Foto: Eva Novotny
Handgeschriebene Tagebuchseite, Foto: Eva Novotny
Eva Novotny aus Gablitz ist ehrenamtliche Helferin seit der allerersten Stunde: Bosnien, Kosovo, Tschetschenien ... sie war als Zeitzeugin dabei und hat ihre Erfahrungen mit Geflüchteten in ihrem Buch "Vernetzt leben – füreinander dasein – voneinander lernen" niedergeschrieben. Für den "Sommer der Solidarität" hat sie ihre Tagebuchaufzeichnungen aus 2015 mit uns geteilt. Sie beschreibt damit gleichzeitig die Anfänge des Vereins "Gablitz Hilft", der auch heute noch aktiv Geflüchtete beim Ankommen unterstützt.

Seit 15 Jahren schreibe ich ein tägliches Tagebuch. Anlässlich ihres Aufrufes habe ich es hervorgeholt und gelesen – ich hatte vieles schon vergessen. In Auszügen will ich es abschreiben.

Ich dachte damals, dass ich etwas beitragen müsse (ich besuchte schon seit 2007 zwei Flüchtlingsfamilien in Wien und lernte mit den Kindern Deutsch) und ich hoffte, unser Ort würde auch welche aufnehmen. Wie es dazu gekommen ist, dass uns welche zugewiesen wurden, weiß ich nicht, darüber bestimmte die Politik. Es wurden im Hotel Hohenecker auch 70 Minderjährige untergebracht, die aber von angestellten Pädagogen betreut wurden.

Schrecklich fand ich nur, dass dieses Heim nach 2 (oder 3) Jahren plötzlich auf Wunsch des Bürgermeisters geschlossen wurde und die Jugendlichen in ganz NÖ verteilt wurden, was für manche zum Problem wurde. Die, die wir privat betreuten, haben es zum Großteil geschafft, Schulen besucht, Berufe erlernt, geheiratet und sind gut integriert. Nachdem wir einen Verein gegründet hatten, mieteten wir Wohnungen an und kümmerten uns um sie. Das vom Land ausgesuchte Quartier war mehr als schlecht gewesen.


Tagebuchaufzeichnungen


31.8.2015

Eine Organisation „Mensch sein in Österreich“ veranstaltet eine Demo. Frau Rieder organisiert, Diakonie und KPÖ haben sich angeschlossen. 20 000 Menschen ziehen vom Westbahnhof zum Parlament. Bei den Reden wurden vor allem Menschlichkeit, Fluchtkorridore und Übergabe von Traiskirchen an Caritas gefordert. Scheinbar ändert sich etwas an der Einstellung der Leute, denn als am Westbahnhof 3000 Flüchtlinge ankamen, gab es Österreicher, die „welcome“ riefen und die Menschen mit Wasser, Brot und Obst versorgten. Die Polizei sah nur zu. Es macht mich froh, so ein Österreich zu erleben. Die Politik sieht das aber anders; Grenzkontrollen, Dublin….
 
Sommer der Solidarität
31.8.2015: Scheinbar ändert sich etwas an der Einstellung der Leute, denn als am Westbahnhof 3000 Flüchtlinge ankamen, gab es Österreicher, die „welcome" riefen und die Menschen mit Wasser, Brot und Obst versorgten.
Eva Novotny, Gablitz Hilft


3.9.2015

Im ORF bei Stöckl: Sepp Schellhorn (NEOS) nahm 36 Flüchtlinge auf, hat gute Ideen, bildet sie in seinem Hotel aus, bildet „Altenrat“, dadurch keine Streitereien. 


5.9.2015

Nachrichten: Riesige Flüchtlingsströme durch Ungarn 15 000 passieren Österreich, wollen nach Deutschland. Österreichs Zivilbevölkerung hilft vorbildlich.
 
Sommer der Solidarität
5.9.2025: Nachrichten: Riesige Flüchtlingsströme durch Ungarn. 15 000 passieren Österreich, wollen nach Deutschland. Österreichs Zivilbevölkerung hilft vorbildlich.
Eva Novotny, Gablitz Hilft


6.9.2015

Fahre zum Westbhf. Bringe Anoraks, Rosinen und Nüsse. Es wimmelt vor Leuten. Trage mich in eine Helferliste ein und spende 50€ für Fahrkarten.


10.9. 2015

Abends Flüchtlingsversammlung im Gemeindeamt. Staunte, wieviel Leute dabei waren (130 ca). Die negativen Stimmen meldeten sich nicht. Bgm.: Die Gemeinde hätte keine Räume, das Hotel Hohenecker stehe zur Debatte, 50-70 Personen dort einzuquartieren. Einer meint: Mit den F. wäre die Wohnqualität kaputt. Ich war über die vielen positiven Meldungen froh, finde aber, alles gehe zu langsam.


13.9.2015

Bringen Schlafsäcke, Rosinen und Erdnüsse zum Westbahnhof.


14.9.2015

Westbahnhof: Mache bei einer Kindergruppe mit. Spielzeug wird für Kinder gebracht. Beobachte einen Buben, der aus Legosteinen gleich ein Gewehr bastelt, Mädchen bekritzelt Puppe mit Filzstiften, in der Lounge breiten wir Decken auf. Ging 2x Essen kaufen (Brot, Paprika, Schoko, Nüsse, Kekse). Eine Firma brachte Tee, der sofort angenommen wurde. Hungrige Männer hätten gern Sandwiches gehabt, Frauen mit Kopftüchern saßen mit Babys am Schoß, andere ohne Kopftücher starrten traurig vor sich hin. Etwa 30 Kinder spielten mit Autos, kleinen Figuren, Luftballons und Bausteinen. Mädchen malten in Malbüchern. Ich kehrte auf, zwei Mütter wollten mir helfen.

Abends ORF: Runder Tisch: Strache und Lugar reden immer noch von Wirtschaftsflüchtlingen, die schon im Libanon und Türkei in Sicherheit gewesen wären.

Heute 20 000 bei Nickelsdorf über die Grenze gekommen. Deutschland hat die Grenzen geschlossen, nur ein Zug fuhr bis Salzburg.


15.9.2015

Westbahnhof: Ich kaufte 40 Joghurt, 5 Baguettes, Schafkäse und Paradeiser. Faltete mit einem herzigen Ahmed eine Schachtel, einen Flieger und Schiffe. Hauptsächlich kleine Kinder anwesend. Baute Schaumstoffturm mit anderen Kindern Sie hatten Freude damit. Hazaras kamen und baten um ein neues Handy (Display kaputt), andere wollte aufladen, aber in den Steckdosen war kein Strom. Amnesty rief bei mir an, wollen größere Geldspende.
 
Sommer der Solidarität
15.9.2025: Westbahnhof: Ich kaufte 40 Joghurt, 5 Baguettes, Schafkäse und Paradeiser. Faltete mit einem herzigen Ahmed eine Schachtel, einen Flieger und Schiffe.
Eva Novotny, Gablitz Hilft


16.9.2015

Kuchen und Muffins gebacken mit 20 Joghurt, 2 Gurken und Karotten im Kids Corner abgeliefert. Danach beim Caritaslager. Wurde zur Abteilung Babysachen eingeteilt (2 Stunden geordnet) neben mir 2 Medizinstudenten kümmerten sich um Hygieneartikel. Es wurde sehr viel gespendet. Sackerln wurden zusammengestellt und ein Freiwilliger fuhr mit einem Wagerl und teilte aus. Ein paar junge Burschen, die als Dolmetscher arbeiteten machten Runden durchs Lager und bedienten sich auch an Haargel, Kämmen und Deos. Einer sprach mich an um Geld für Zugticket, gab ihm 20 €, wofür er sich sehr bedankte. Die Leute sind sehr gemischt: reich und arm, Kinder gut erzogen und auch lästig ... so wie halt bei uns auch.
Zuletzt taten mir die Beine weh vom langen Stehen und ich erwartete sehnlichst 17 Uhr, wann ich heimfahren konnte.


18.9.2015

Ab 12 Uhr bei der Kleiderausgabe der Caritas. Viele große Kleidungsstücke, zu wenig kleine – viele Männer sind sehr dünn. Die meisten Syrer, Hazara bescheiden, vornehm. Die „Dolmetscher“ bedienen sich selbst mit der Ware. Kinder streiten um einen Plastik-LKW, wir haben nur 1 Auto. Stofftiere interessieren sie nicht. Ich lerne einen syrischen Studenten kennen. Er wohnt im Europahaus (zahlt 350€ für Miete bis November). Ich lade ihn ein, bei uns zu wohnen.

14 000 Flüchtlinge warten in Kroatien, der Zaun von Serbien nach Ungarn war schon zu. Kroatien führt die Flüchtlinge nach Ungarn, die sollen sie nach Österreich bringen.


21.9.2015

Nachrichten: Asyl auf Zeit soll eingeführt werden. Enttäuschend, wenn ich mich 3 Jahre bemühe, sie zu integrieren, meine Zeit opfere – kein Arbeitgeber wird sie ausbilden wollen, schrecklich für Kinder…
 
Sommer der Solidarität
21.9.2025: Nachrichten: Asyl auf Zeit soll eingeführt werden. Enttäuschend, wenn ich mich 3 Jahre bemühe, sie zu integrieren, meine Zeit opfere – kein Arbeitgeber wird sie ausbilden wollen, schrecklich für Kinder...
Eva Novotny, Gablitz Hilft


25.9.2015

Fuhr um 9 Uhr zum Karlsplatz, hatte mich mit Doodle beim Tag der Freiwilligen dort angemeldet. Dort stand ein Zelt des UNHCR. Ein paar junge Leute sagten mir, sie würden mich nicht brauchen. Frustrierend, fuhr wieder nach Hause.

10 000 Flüchtlinge durchnässt und frierend in Nickelsdorf angekommen.


29.9.2015

Der Syrer Fuad wohnt seit heute bei uns. Die Mutter, Biologin, verschollen, ist Alevitin, der Vater Bauingenieur, ist Sunnit und arbeitet in Nigeria. Fuad war auch dort, war aber zu gefährlich. Ich lerne Deutsch mit ihm.


30.9.2015

Fuhr zur Schlusskundgebung „Refuges welcome“ zum Parlament. Syrerinnen sangen „Keiner schöner Land“ auf Deutsch. Massen von Menschen, hauptsächlich junge Leute, saßen am Ring auf der Straße. Um 17:15 wanderten wir zum Heldenplatz, der schon übervoll war. Ich bekam einen Sticker: „Helfen statt hetzen“. Viele trugen den Sticker „Strache verboten". Beim Konzert traten unter anderem Concita, Zucchero, Tote Hosen auf.


11.10. 2015

Am Abend im Ort bei einem inoffiziellen Flüchtlingshelfertreffen. Engagierte junge Leute. Sie erzählten, dass die Gablitzer Bevölkerung in großer Angst lebe, das zeigten die Postings auf der Seite des Bürgermeisters im facebook. Ich schaute und war entsetzt. Wenn 20 Flüchtlinge kämen, hätten sie Angst um ihre Frauen und Kinder, man höre von Vergewaltigungen und Überfällen auf Supermärkte. Viel Misstrauen und Hass geht aus den Postings hervor. Das macht mich traurig.
 
Sommer der Solidarität
11.10.2025: ... Wenn 20 Flüchtlinge kämen, hätten sie Angst um ihre Frauen und Kinder, man höre von Vergewaltigungen und Überfällen auf Supermärkte. Viel Misstrauen und Hass geht aus den Postings hervor. Das macht mich traurig.
Eva Novotny, Gablitz Hilft


14.10.2015

Erstes Flüchtlingshelfertreffen in Gablitz 50 Personen treffen einander in der Pizzeria. Die Stimmung war nicht erfreulich, es war ein Fehler, dass das Treffen öffentlich angekündigt war: Der Bierbrauer meinte: Wir sind die Depperten, die helfen, wissen aber von nichts“, er sei in Kommunikation geschult, die 2 Herren der Pfarrcaritas sagten, nur sie wüssten wie alles gehe … alle anderen seien Dilettanten. Die Frauen bemühten sich, zu calmieren.


20.10.2015

Abends Flüchtlingshelfertreffen, Simon meinte, Frauen dürften nicht zu den Männern gehen, das passe nicht zu deren Kultur.


24.10.2015

7 Packerln Weintrauben und 10 kg Äpfel auf die Baumgartner Höhe zu Flüchtlingen gebracht.


28.10.2015

Wieder von 12-17 Uhr am Westbahnhof im Caritaslager gearbeitet. Viele nette Mitarbeiter kennengelernt.


5.11.2015

Heute sollen Flüchtlingen unserem Ort  in das Haus einer Privaten, Martina, kommen. (Wer hat das Quartier genehmigt?) Ich hole die Syrerin Sühayla ab, die ich im Caritaslager kennenlernt habe und wir warten beim Haus Linzerstraße 63. Als wir ins Haus gehen, ist die Besitzerin da.
Überall steht etwas herum, Betten sind nicht gerichtet, ein verdreckter Kühlschrank in der Küche, keine Kästen, Dusche erst im Bau. Ich kehre, Florian trägt Bretter hinaus, Astrid stellt Obstteller auf einen hässlichen Tisch. Um 14:30 sollen Flüchtlinge kommen. Im Auto sind 8 junge Burschen, aus Salzburg herangekarrt. 4 steigen aus, 4 werden nach Gänserndorf gebracht. Im Haus gibt es noch keine Beleuchtungskörper, die Heizung funktioniert nicht. Der Besitzer Gregor und seine Schwester fahren zum Baumarkt, um Batterien für ein Thermostat zu kaufen. Sühayla fragt die Burschen, woher und wie alt sie sind: 17 und 18 Jahre, 2 Kurden, ein Araber, einer ist krank, soll noch aus Gabčíkovo gebracht werden. Es gibt keine gemütliche Ecke, nur eine Couch im Vorraum. Das Besitzerauto steht vor dem Haus. Ein Pickerl darauf „Girls wanted“ … gefällt mir nicht.
 
Sommer der Solidarität
5.11.2025: Es gibt keine gemütliche Ecke, nur eine Couch im Vorraum.
Eva Novotny, Gablitz Hilft


8.11.2015

Eine kleine Gruppe trifft sich in der Pizzeria: Karin, Miriam, Florian, Hayda, ein türkischer Arzt und ein Angestellter des Sozialamtes und Fuad, der meinte, so viel nette Leute. Die Runde gefiel auch mir sehr gut, alle freuten sich unter netten, gleichgesinnten Menschen zu sein. Für mich hat es 34 Jahre gedauert, bis wir so etwas in Gablitz gefunden haben.
 
Sommer der Solidarität
8.11.2025: Die Runde gefiel auch mir sehr gut, alle freuten sich unter netten, gleichgesinnten Menschen zu sein. Für mich hat es 34 Jahre gedauert, bis wir so etwas in Gablitz gefunden haben.
Eva Novotny, Gablitz Hilft


9.11.2015

Um 10 Uhr beginne ich den ersten Deutschkurs in Martinas Haus. Es gibt nur 4 Sessel. Wir setzen uns ins Vorzimmer auf die Couch. Die F. schreiben auf dem Schoß. 


10.11. 2015

Wir lernen jetzt in der Wohnung von Julia Hagl.


11.11.2015

Bringe Klappsessel ins Flüchtlingshaus, Deutschblätter vorbereitet.


13.11.2015

Ab 10 Uhr Deutschkurs für 4 Burschen. Habe Bilderlotto gemacht, wird gut angenommen.


25.11.2015

Ab nun unterrichten wir im Pfarrheim von 9-12 Uhr (8 Personen, Syrer).


26.11.2015

Im Pfarrheim für die F. gekocht. Viel Gewand zum Aussuchen da, aber wenig passt.


10.12.2015

Erhielt ein SMS von Astrid, dass Flüchtlinge vor dem 63-er Haus warten würden. Ein Bus voll mit F. stand vor dem Haus. Die Hausbesitzer nicht da. Wir warten 1 ¾ Stunden, danach kommt sie, wir gehen ins Haus – keine gemachten Betten (es fehlen Matratzen, Decken etc.), keine Kästen, Martina jammert, sie habe kein Geld, ihr Konto gesperrt. Ich kaufe für die F. ein (89€), 14 F. (Afghanen) ziehen ein.

Ein paar Gablitzer bringen fehlende Möbelstücke, einer baut die Duschwanne ein und verputzt, wo es noch nötig ist, eine Gablitzerin mietet einen Raum und vergibt dort Kleidung.


Dezember 2015

Wir empfangen die Flüchtlinge mit Willkommenssackerln. Machen zu Weihnachten ein erstes Fest für sie im Pfarrsaal.

So war der Anfang. Die Flüchtlingshelfergruppe besteht noch (jetzt Verein "Gablitz Hilft"). Wir freuen uns, durch die Flüchtlingskrise einander gefunden zu haben und arbeiten derzeit an einem Projekt (Kindergartenhaus in Syrien). Als Vermittler ein Flüchtling von 2015, der bereits die Staatsbürgerschaft hat. Wir haben noch Kontakt mit vielen unserer Flüchtlinge, die leider Österreich verlassen mussten: Einer in Afghanistan, 4 in Frankreich, 3 in Italien – alle bekamen dort Asyl. Die übrigen arbeiten in Österreich. Im Ort ist das Thema „Flüchtlinge“ nicht mehr aktuell.
 




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