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30.1.2026

Eine von tausenden österreichischen Flüchtlingspatenschaften

Paisley-Muster. Foto von Gabi Dallinger-König. Ein filigranes, orientalisch anmutendes Muster, das das Ineinanderranken und Verwobensein der in der Geschichte beschriebenen Familien symbolisiert.
Foto von Gabi Dallinger-König
Pat:innen leisten unschätzbar wertvolle Arbeit – oft still und unbemerkt. Gabi Dallinger-König erzählt die Geschichte einer solchen Patenschaft, die für viele stehen kann und zeigt, wie Haltung und ziviles Engagement den Zusammenhalt stärken.

Margit, Paul und die syrische Familie


Das Ehepaar war gerade in Pension gegangen. Margit war beruflich viele Jahre in verschiedenen Positionen der sozialen Arbeit tätig, er hat als Architekt gearbeitet.

Damals, 2015, als sich über 100.000 Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten im nahen Osten auf den Weg nach Europa gemacht haben und zunächst in Österreich gelandet waren, ist das leerstehende Elternhaus von Paul gerade zur Vermietung bereit gestanden. Angesichts der schier überwältigenden Anzahl an Flüchtlingen und der Unterkunftsnöte haben er und seine Geschwister beschlossen, im Reihenhaus mit Garten vorübergehend eine geflüchtete Familie aufzunehmen.

Über die Vermittlung seiner Schwester Lisa zu einer engagierten Pfarre einer kleinen niederösterreichischen Gemeinde, kamen sie zu der neunköpfigen Familie: Elternpaar, fünf Töchter, zwei Söhne, drei im Jugendlichen- und vier noch im Kindesalter. Es hat von Anfang an miteinander geklappt.

Als Margit und Paul ins Spiel kamen, war der Aufenthaltsstatus der Familie bereits geklärt und das Asylverfahren positiv beschieden. Ferhan, der älteste Sohn, damals noch minderjährig, war über die Türkei in Richtung Europa losgezogen und als unbegleiteter Minderjähriger in Österreich gelandet. Er schaffte es mit Hilfe des Roten Kreuzes die Familie nachzuholen und alle hier zusammenzuführen.

Margit und Paul haben die Betreuung als Langzeitprojekt angelegt. Das ergab die Erfahrung vorher mit der bosnischen Familie Mitte der Neunzigerjahre. „Wir haben gewusst, man muss sie zehn Jahre lang unterstützen.“

So ist Margit jede Woche zu ihnen gefahren. Dann war der Schuleinstieg. Karim ist in die Vorschule gegangen. Die Amina war in der dritten Klasse Volksschule, die Layla in der dritten Klasse Hauptschule, die Aynur im polytechnischen Lehrgang – und alles ohne Deutschkenntnisse!

Ich habe mit ihnen am Anfang Deutsch gemacht, also mit Reden und Hausaufgaben machen. Die Lehrerin von Dilan hat bald gesehen, dass da ein vifes Mädchen ist und hat es sehr gefördert. Lisa, Pauls Schwester, hat dann relativ bald pensionierte Lehrerkolleginnen gefunden: Die Roswitha, die hat Deutsch übernommen und bald ist auch die Frau Gertrud gekommen, die hat sehr lange mit ihnen Mathematik gemacht. Da ist dann in der Gruppe das Einmaleins durchgenommen worden, das war für alle wichtig, weil alle auf dem selben Stand waren, also bei null sozusagen.

Bei den Älteren war hilfreich, dass sie in Syrien in die Schule gegangen sind, vor allem Arabisch gelernt hatten, was ja für sie eine Fremdsprache war. Also Kurdisch haben sie zuhause gesprochen, Arabisch in der Schule und Türkisch können sie teilweise auch , weil sie im Grenzgebiet gelebt haben. Aynur nutzt das jetzt sehr, weil sie in der Kinderbetreuung und darüber hinaus vielseitig eingesetzt wird.

Was sich hier bei dieser Familie aber ergeben hat, ist, dass Margit und Paul quasi in die Familie hineingewachsen sind, dass sie Teil der Familie, wie zweite Eltern oder wie Pateneltern geworden sind. Sie unterstützen und bezahlen, was sie in der Schule brauchen, vom Computer angefangen über die Nachhilfe, wenn sie notwendig ist, die ganzen Landschulwochen, Projektwochen. Paul hat jetzt auch den beiden Mädchen den Führerschein gezahlt.
 
Sommer der Solidarität
So sind wir schon wie ein Elternersatz oder wie Pateneltern geworden.
Margit


Margit hat den beiden jungen Frauen ihr Auto gespendet. Sie hätte sowieso ein neues gebraucht und ihr war wichtig, dass sie gleich Fahrpraxis erwerben. “So sind wir schon wie ein Elternersatz oder wie Pateneltern geworden“, erzählt Margit. Die beiden Familien feiern miteinander die Geburtstage, es gibt jedes Jahr ein gemeinsamer „Sommerevent“ mit Picknick im Grünen, feiern, wenn einer der Jugendlichen die Schule- oder die Berufsausbildung abgeschlossen hat.

Stolz sind Margit und Paul, was über die 10 Jahre der Begleitung und Unterstützung aus der Familie geworden ist: Dass alle auf einem guten Weg sind, vor allem die Kinder. In diesen Fluchtgeschichten opfert sich die Elterngeneration, aber für die Kinder sind Chancen da.

Ferhan ist Arbeiter und derzeit im Schichtbetrieb eingesetzt. Aynur ist interkulturelle Kindergartenassistentin. Layla hat die Fachschule für Sozialbetreuung abgeschlossen und arbeitet in einem Seniorenheim. Sie hat auch die österreichische Staatsbürgerschaft erworben. Dilan und Karim besuchen bereits die Oberstufe des naturwissenschaftlichen Gymnasiums.

Den Eltern geht es weniger gut, beide sind gesundheitlich sehr angeschlagen. Im Vergleich mit der Arbeitsmarktpolitik der skandinavischen Ländern, wo die Elterngeneration mit Jobvermittlung und Bewerbung eher in Ruhe gelassen und dort viel mehr Augenmerk auf die Ausbildung der Kinder gelegt wird, herrscht in Österreich ständiger Druck, dass sie eigentlich arbeiten müssten, bekommen regelmäßig Jobvorschläge, um sich bei Firmen zu bewerben -und werden immer wieder herb enttäuscht.

Wenn Mutter Rania gefragt wird, wie es ihr gehe, dann antwortet sie, sie wisse gar nicht wo sie anfangen solle. Ihr Kopf ein Bienenhaus! Angefangen bei denen, die in Syrien geblieben sind, ihre Mutter, die dort sehr krank ist, die ganzen Verwandten, die seit zehn Jahren in einem Flüchtlingslager mit 30.000 Leuten leben, keine Schule, keine Arbeit, gar nichts. Ihr unzufriedener Ehemann. Auch finanziell geht es ihnen nicht gut. Unsere Leistungsgesellschaft ist für sie echter Stress.
 
Sommer der Solidarität
Wir sind eine Gemeinschaft.
Margit

Wenn die Jungen Fragen aufwerfen, ob sie immer noch Fremde sind im Land, antwortet Margit ganz pragmatisch: „Das ist nicht wichtig. Ihr gehört zu uns. Wir brauchen euch, ihr braucht uns. Wir sind eine Gemeinschaft.“


Text: Gabi Dallinger-König. Auf Basis eines Interviews im November 2025 in Wien. Alle Namen im Text wurden geändert.
Foto: Gabi Dallinger-König. Das orientalisch anmutende Paisley-Muster symbolisiert das Ineinanderranken und Verwobensein der in der Geschichte beschriebenen Familien.

 




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