Deutschkurs vor dem Lagertor

31. August 2015: Deutschklasse im Park vor dem Erstaufnahmezentrum Traiskirchen, Foto: Martin Auer
Vor dem Erstaufnahmezentrum Traiskirchen wurden im Jahr 2015 nicht nur Essen, Kleidung, Decken und Hygieneartikel verteilt, sondern Freiwillige begannen auch, im Park mit geflüchteten Menschen Deutsch zu lernen. Martin Auer war einer von ihnen.
Nicht jede Organisation, nicht jede Securityfirma duldete die Mithilfe von Freiwilligen. Ins immer noch überfüllte Erstaufnahmezentrum Traiskirchen, südlich von Wien, durfte niemand. An den Wochenenden fuhr ich jetzt mit dem Auto hinaus mit einem Stapel von Heften und einer Tasche voll Kugelschreibern. In dem Geschäft, wo ich sie gekauft hatte, hatte ich 50 Prozent Ermäßigung bekommen, als ich erklärte, wofür ich sie brauchte.
Dann saß ich den ganzen Nachmittag auf einem zertretenen Wiesenstück neben dem Lagereingang, zeichnete mit Whiteboardstiften auf eine kleine weiße Tafel Begriffe des täglichen Lebens und schrieb die Wörter dazu:
APOTHEKE, RETTUNG, KRANKENHAUS, PILLE, INJEKTION.
Kopfschmerzen und Bauchweh konnte ich nicht zeichnen, das spielte ich vor. Ich spielte, buchstabierte und deklamierte die Wörter und Sätze, von denen ich annahm, dass die Leute sie als erstes brauchen würden.
Die Schülerinnen und Schüler saßen im Kreis um mich und sprachen die Wörter und Sätze nach. Manche notierten sie sich in lateinischen Buchstaben, andere schrieben sich die Aussprache in arabischen Lettern auf und lasen die Wörter dann noch einmal aus ihrem Heft ab. Die meisten waren junge Männer, aber auch ein paar behäbige ältere Herren mit grauen Bartstoppeln, ein paar Frauen, trotz der Hitze in Mantel und Kopftuch, aber auch junge Frauen in Jeans und mit frei flatternden Haaren. Alle gaben mir die Hand, wenn sie sich dazu setzten, nur zwei junge Mädchen in Jeans und Kopftuch sagten freundlich: „Sorry, we cannot shake hands, we are Muslim“.
Meine Zeichnungen, die eher Kinderzeichnungen glichen, und meine Pantomimen brachten die Leute immer wieder zum Lachen. Ich freute mich über das Lachen und war stolz auf meine selbst erdachte Methode. Öfter machte jemand ein Selfie mit mir, und dann drückte ich ihm auch mein eigenes Handy in die Hand, um selber eine Erinnerung zu haben.
In anderen Gruppen wurde nach Büchern gelernt, die von Germanistikstudenten in Eile entworfen worden waren. Ich legte wenig Wert auf Grammatik. Ob der, die, oder das Fahrkarte war nicht so wichtig. Wichtig war, wie viel sie kostete. An einem Nachmittag nahm ich mir Krankheit und Gesundheit vor, an einem Nachmittag alles, was man zum Fortkommen in der Umgebung brauchte, einmal Rechtliches, einmal Einkaufen, Preise und Zahlen.
Ich brachte auch Kleider und Schuhe hinaus, die mir Leute mitgegeben hatten. Entlang der Straße neben der Lagermauer war eine Art Markt entstanden. Ein Markt, auf dem nicht verkauft, nur verschenkt wurde. Die Menschen, die etwas mitgebracht hatten, breiteten ihre „Waren“ vor ihren Autos aus, Kleider, Schuhe, Spielzeug, Obst, selbst gebackene Kuchen, oder öffneten einfach nur den Kofferraumdeckel. Die Menschen aus dem Lager spazierten durch diesen „Markt“, Kinder kamen und fragten nach Süßigkeiten, manche selbstbewusst und zutraulich, anderen, die nur schüchtern herüberschauten, musste man die Mannerschnitten oder was es war, förmlich in die Hand drücken. Frauen suchten nach Kleidern für die Kinder, Männer oft nach passenden Schuhen.
An der Rückseite des Lagers hatte ein indischer Restaurantbesitzer einen Küchenwagen aufgestellt und verteilte vegetarisches Essen, Reis oder Kuskus und jeden Tag einen anderen Gemüsecurry dazu. Immer stand eine lange Schlange vor seinem Wagen. Nicht, weil die Leute im Lager gehungert hätten, aber hier schmeckte das Essen nach Heimat. In dem Geschäft, wo ich die Hefte bekommen hatte, kaufte ich zwanzig kombinierte Schach- und Backgammonspiele. Auch die bekam ich zum halben Preis. Ich verteilte sie unter meinen Studenten und Studentinnen. Langeweile war eines der größten Probleme in so einem Lager.
Dann saß ich den ganzen Nachmittag auf einem zertretenen Wiesenstück neben dem Lagereingang, zeichnete mit Whiteboardstiften auf eine kleine weiße Tafel Begriffe des täglichen Lebens und schrieb die Wörter dazu:
APOTHEKE, RETTUNG, KRANKENHAUS, PILLE, INJEKTION.
Kopfschmerzen und Bauchweh konnte ich nicht zeichnen, das spielte ich vor. Ich spielte, buchstabierte und deklamierte die Wörter und Sätze, von denen ich annahm, dass die Leute sie als erstes brauchen würden.
Die Schülerinnen und Schüler saßen im Kreis um mich und sprachen die Wörter und Sätze nach. Manche notierten sie sich in lateinischen Buchstaben, andere schrieben sich die Aussprache in arabischen Lettern auf und lasen die Wörter dann noch einmal aus ihrem Heft ab. Die meisten waren junge Männer, aber auch ein paar behäbige ältere Herren mit grauen Bartstoppeln, ein paar Frauen, trotz der Hitze in Mantel und Kopftuch, aber auch junge Frauen in Jeans und mit frei flatternden Haaren. Alle gaben mir die Hand, wenn sie sich dazu setzten, nur zwei junge Mädchen in Jeans und Kopftuch sagten freundlich: „Sorry, we cannot shake hands, we are Muslim“.
Meine Zeichnungen, die eher Kinderzeichnungen glichen, und meine Pantomimen brachten die Leute immer wieder zum Lachen. Ich freute mich über das Lachen und war stolz auf meine selbst erdachte Methode. Öfter machte jemand ein Selfie mit mir, und dann drückte ich ihm auch mein eigenes Handy in die Hand, um selber eine Erinnerung zu haben.
In anderen Gruppen wurde nach Büchern gelernt, die von Germanistikstudenten in Eile entworfen worden waren. Ich legte wenig Wert auf Grammatik. Ob der, die, oder das Fahrkarte war nicht so wichtig. Wichtig war, wie viel sie kostete. An einem Nachmittag nahm ich mir Krankheit und Gesundheit vor, an einem Nachmittag alles, was man zum Fortkommen in der Umgebung brauchte, einmal Rechtliches, einmal Einkaufen, Preise und Zahlen.
Ich brachte auch Kleider und Schuhe hinaus, die mir Leute mitgegeben hatten. Entlang der Straße neben der Lagermauer war eine Art Markt entstanden. Ein Markt, auf dem nicht verkauft, nur verschenkt wurde. Die Menschen, die etwas mitgebracht hatten, breiteten ihre „Waren“ vor ihren Autos aus, Kleider, Schuhe, Spielzeug, Obst, selbst gebackene Kuchen, oder öffneten einfach nur den Kofferraumdeckel. Die Menschen aus dem Lager spazierten durch diesen „Markt“, Kinder kamen und fragten nach Süßigkeiten, manche selbstbewusst und zutraulich, anderen, die nur schüchtern herüberschauten, musste man die Mannerschnitten oder was es war, förmlich in die Hand drücken. Frauen suchten nach Kleidern für die Kinder, Männer oft nach passenden Schuhen.
An der Rückseite des Lagers hatte ein indischer Restaurantbesitzer einen Küchenwagen aufgestellt und verteilte vegetarisches Essen, Reis oder Kuskus und jeden Tag einen anderen Gemüsecurry dazu. Immer stand eine lange Schlange vor seinem Wagen. Nicht, weil die Leute im Lager gehungert hätten, aber hier schmeckte das Essen nach Heimat. In dem Geschäft, wo ich die Hefte bekommen hatte, kaufte ich zwanzig kombinierte Schach- und Backgammonspiele. Auch die bekam ich zum halben Preis. Ich verteilte sie unter meinen Studenten und Studentinnen. Langeweile war eines der größten Probleme in so einem Lager.













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