Christa Wendelin berichtet über ihre tiefgreifenden Erfahrungen als freiwillige Helferin im Jahr 2015 - zunächst in Neusiedl am See und später in Nickelsdorf. Über Kinder auf der Flucht, das Chaos ohne staatliche Hilfe und den schockierenden Gegensatz zwischen Shopping und Trauer am Tag der 71 Toten in Parndorf.
Erste Anlaufstelle Rotes Kreuz
Für mich war der Sommer 2015 einschneidend. Ich habe von Juni 2015 bis Ende August 2015 einen Tag pro Woche „gespendet“ und zunächst in der Rotkreuz-Stelle in Neusiedl/See, später an der Grenze in Nickelsdorf ankommende Flüchtlinge mit Getränken, Essen, Kleidung, Sanitärgegenständen versorgt.Bei meinem ersten Einsatz ist eine Gruppe von unbegleiteten(!!!) Buben – ich schätze keiner war mehr als 10 Jahre dem Roten Kreuz von der Polizei übergeben worden. Meine Aufgabe war es zunächst, bei den Buben die Temperatur zu messen. Alle waren unterkühlt.
Nach ein paar Wochen war die Rotkreuz-Stelle in Neusiedl viel zu klein. Wir haben uns dann direkt an der Grenze um die Flüchtlinge gekümmert. Einmal ist eine Mutter mit gebrochenem Bein oder Arm von der Rettung ins Krankenhaus gebracht worden – ihre zwei kleinen Kinder blieben bei uns an der Grenze. Die Kinder konnten natürlich kein Wort Deutsch oder Englisch. Manchmal sind so viele auf einmal gekommen, dass wir nicht genug Mahlzeiten hatten – es gab dann durchaus auch Aggressivität uns gegenüber.
Welche Angst muss in diesen Kindern vorgegangen sein? Niemanden verstehen, keine Ahnung wo sie sind, keine Ahnung wie die Gesellschaft bei uns „funktioniert“.
Gegen Ende des Sommers sind wir wieder übersiedelt – dieses Mal in die Anlage, wo jeden Sommer das Nova Rock Festival stattfindet. An einem Abend sind gleichzeitig mehrere Busse mit sehr vielen Flüchtlingen gleichzeitig gekommen – darunter auch dieses Mal wieder viele Kinder. Die Ankommenden waren ausgehungert und haben unsere Tische fast niedergerannt.
Sommer der Solidarität
Damals habe ich gelernt, dass die Kinder auf der Flucht gelernt haben, immer ruhig zu sein.
Christa Wendelin, Freiwillige in Nickelsdorf
Damals habe ich gelernt, dass die Kinder auf der Flucht gelernt haben, immer ruhig zu sein.
Christa Wendelin, Freiwillige in Nickelsdorf
Auf die Kinder wurde keine Rücksicht genommen – keines der Kinder hat sich aber gewehrt. Damals habe ich gelernt, dass die Kinder auf der Flucht gelernt haben, immer ruhig zu sein. Hätten sie geweint oder geschrieen, wären sie eine Gefahr für die gesamte Gruppe geworden.
Am Tag an dem die 71 Toten in Parndorf gefunden wurden, haben die damalige Innenministerin Mikl-Leitner und der damalige Burgenländische Polizeichef Doskozil mit einer Reihe von Mitarbeiter*innen unserem Standort an der Grenze einen Besuch abgestattet. Ich bin damals in Tränen ausgebrochen, weil wir nicht genug Essen hatten und immer mehr Menschen gekommen sind, die in Österreich Schutz gesucht haben.
Late Night Shopping am Tag der 71 Toten
Auf der Rückfahrt von Nickelsdorf mit einem Rotkreuz-Kollegen, haben wir im RK-Auto von den 71 Toten in den Nachichten gehört. An dem Tag fand in Parndorf nur ein paar hundert Meter von dem Fundort entfernt das sogenannte Late Night Shopping statt. Was für ein Gegensatz! Viele Kaufwillige haben sich beschwert, weil ein Teil des Programmes, das im Outlet Center stattfinden hätte sollen, wegen der 71 Toten abgesagt wurde. Ab dem Herbst 2015 haben wir – mehrere freiwillige Parndorfer*innen – mit den Flüchtlingen, die bei uns im Ort untergebracht waren, Deutsch gelernt, sie zu den sogenannten Interviews beim BFA und später beim BVWG begleitet. Mit der Zeit hat sich im Bezirk ein Netzwerk an Freiwilligen gebildet, über das viel auf die Beine gestellt worden ist.
Einer unserer Schützlinge aus dieser Zeit ist jetzt so etwas ähnliches wie mein Patensohn. Zu den anderen habe ich keinen Kontakt mehr.
Sommer der Solidarität
Ohne die vielen Freiwilligen wäre das totale Chaos ausgebrochen.
Christa Wendelin, Freiwillige in Nickelsdorf
Ohne die vielen Freiwilligen wäre das totale Chaos ausgebrochen.
Christa Wendelin, Freiwillige in Nickelsdorf
Der Sommer 2015 hat allerdings auch meinen Glauben und mein Vertrauen in den Staat ins Wanken gebracht. Ohne die vielen Freiwilligen wäre das totale Chaos ausgebrochen. Es hat ziemlich lange gedauert, bis von offizieller Seite Sprachkurse angeboten worden sind. Teilweise war es den Flüchtlingen aber kaum möglich, daran teilzunehmen, weil die Orte, wo die Kurse stattgefunden haben, kaum öffentlich zu erreichen waren aber auch weil die Ticketkosten von den Flüchtlingen bezahlt werden mussten.













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