Primäres Trauma, Fluchtgründe
Betrachtet man die derzeitigen Flüchtlingsbewegungen, so
läßt sich feststellen, daß vor allem die Anzahl
der unbegleiteten Jugendlichen und Kinder extrem im Ansteigen
begriffen ist. Meist wurden sie durch Bürgerkrieg oder
durch politische, beziehungsweise religiöse Verfolgung
der Eltern zu Voll- oder Halbwaisen. In vielen Fällen sind
sie aber auch selbst, aufgrund ihrer politischen, ethnischen
oder religiösen Zugehörigkeit Zielscheibe von Gewalt
und Verfolgung.
Wenn man alles verloren hat, was man als Kind oder junger Mensch
für eine gesunde Entwicklung braucht und in ständiger
Bedrohung lebt, bleibt meist nur noch die Flucht. Es kommt aber
auch immer wieder vor, daß Jugendliche von ihrem verbliebenen
Elternteil den Auftrag zur Flucht erhalten, einerseits um sich
zu retten, andererseits aber auch, um das eigene Überleben
zu sichern und damit die Familiengeschichte weiterzutragen.
Ein Beispiel aus der Praxis
D. ist ein 17 Jahre altes Mädchen aus Liberia. Ihr Vater
wurde im Zuge des Bürgerkrieges vor vier Jahren getötet.
Seit dieser Zeit lebte D. mit ihrer kranken Mutter und ihrer
kleinen Schwester in sehr ärmlichen Verhältnissen.
Trotz ihrer ausgezeichneten Schulleistungen konnte sie den
Schulbesuch nicht fortsetzen, da es nicht mehr möglich
war, das nötige Schulgeld aufzubringen. Natürlich
fand D. in ihrem krisengeschüttelten Land keine Möglichkeit
zu arbeiten. Ihre Familie lebte von dem, was sie mühsam
selbst erwirtschafteten und auf dem Markt verkaufen konnten.
Von der Regierung wurde ihnen zwar (nach dem Tode des Vaters)
eine finanzielle Unterstützung zugesagt, welche aber
nie ausbezahlt wurde.
Als D. 16 Jahre alt war, lehnte sie sich gegen diese Mißstände
auf. Sie richtete ein Beschwerdeschreiben an die Regierung,
in dem sie die elende Situation ihrer Familie schilderte,
und dem Staat indirekt die Verantwortung dafür zuschrieb.
Als Reaktion erfolgte eine Aufforderung, auf die Polizeistation
zu kommen. D. wurde verhört, inhaftiert, geschlagen,
beschimpft und man drohte ihr, sie umzubringen. Nach ein paar
Tagen wurde sie wieder freigelassen.
Doch ihre Freiheit währte nicht lange. Immer wieder wurde
sie zur Polizei gerufen und die Mißhandlungen nahmen
ein immer dramatischeres Ausmaß an. Ihre Mutter riet
ihr zur Flucht, da sie für ihre Tochter in diesem Land
keine Zukunft mehr sehen konnte. D. wollte nicht fliehen,
da sie wußte, daß der Zorn, welchen sie sich zugezogen
hatte, auf ihre kleine Schwester oder ihre Mutter übergreifen
würde. Erst nachdem die immer wieder erfolgten gewaltsamen
Übergriffe der Behörden sie sicher machten, dem
Tod in der Zelle nicht mehr entrinnen zu können, kam
sie der Bitte ihrer Mutter nach und trat die Flucht an. Aus
ärmlichen Verhältnissen stammend, verfügte
sie natürlich nicht über die nötigen finanziellen
Mittel, um Fluchthelfer gezielt zu beauftragen. So war sie
auf Helfer aus Mitleid angewiesen. Die Überfuhr nach
Europa mußte sie als „Liebesmagd“ bezahlen.
Sie wurde von ihrem Schlepper wochenlang festgehalten und
immer wieder vergewaltigt. Dies muß irgendwo in Ex-Jugoslawien
gewesen sein. Schließlich gelang es ihr, auch von dort
zu fliehen und sie schaffte es, sich bis nach Österreich
durchzuschlagen.
Nach dem sie die erste Nacht in Graz auf der Straße
verbrachte, landete sie völlig verstört, psychisch
und physisch ausgelaugt in der Rechtsberatung des Vereines
ZEBRA. Von der Rechtsberatung wurde ich sofort zwecks Krisenintervention
(Debriefing) und zur Erstellung eines PTSD Test für ein
Erstgespräch hinzugezogen.
Sekundäre Traumatisierung am Fluchtweg
Nicht die Abenteuerlust oder der Glanz des reichen Westens
ist es in den meisten Fällen, der diese jungen Menschen
dazu veranlaßt, ihrem Heimatland den Rücken zu
kehren, sondern hier dominiert die nackte Angst vor der unberechenbaren
Gewalt in ihrem Heimatland. Meine Kollegin und ich könnten
noch von vielen traurigen Geschichten aus unserer Praxis berichten,
um aufzuzeigen, welche Umstände junge Menschen antreiben,
ihr Heimatland und ihre Restfamilie zu verlassen.
Die Flucht wird meist schwer traumatisiert und ohne ausreichende
finanzielle Mitteln angetreten, das bedeutet z.B. ein wochenlanges
Verstecken als blinder Passagier im Lager- oder Maschinenraum
eines Frachtschiffes. Sie verbringen diese Zeit, zusammengekauert,
mangelhaft ernährt und unter miserablen hygienischen
Bedingungen. Etwaige Habseligkeiten werden vom Schlepper kassiert.
Vor allem Mädchen und junge Frauen werden häufig
dazu gezwungen, mit ihrem Körper „den offenen Betrag“
zu begleichen. Solche Vorfälle am Fluchtweg führen
natürlich zu einer Sekundär-Traumatisierung, die
den im Heimatland erlittenen Qualen noch weitere Wunden hinzufügt.
Ankunft und Erste Orientierungsphase
Haben sie erst einmal einen Schlepper gefunden, der bereit
ist, sie für einen aufzubringenden Betrag „aufzunehmen“,
kommt schon die nächste Ungewißheit. Fast nie wissen
die Jugendlichen, wohin die Reise konkret geht. Oft sind sie
der Meinung, daß sie in Richtung Amerika unterwegs sind.
Mit Erstaunen finden sie sich dann plötzlich z. B. in
Österreich wieder, einem Land, von dem die meisten noch
nie etwas gehört haben, das ihnen gänzlich fremd
ist, in dem es leise und eiskalt ist. Die ersten Nächte
werden meist am Bahnhof, auf der Straße oder in einer
der Notschlafstellen verbracht, ohne Geld, ohne Verpflegung.
Natürlich besteht unter solchen Umständen die Gefahr,
daß hier Kontakte geknüpft werden, welche wohl
niemand für sein eigenes Kind wünschen würde.
Von der Notschlafstelle oder durch Mundpropaganda, erhalten
die Jugendlichen die ersten Informationen über die nächsten
notwendigen Schritte.
Daraufhin landen sie dann u.a. bei ZEBRA oder bei der Caritas
in der Rechtsberatung, um einen Asylantrag zu stellen.
Natürlich ist kaum einem der Asylwerber bewußt,
was dies alles zu bedeuten hat. Trotz Belehrung, Aufklärung
und Unterstützung sind viele Asylwerber damit überfordert,
die Dimension ihres Tuns zu durchschauen. Die Ausländergesetzgebung
in Österreich erscheint selbst mir trotz einschlägiger
Fortbildungen und ständiger Arbeit in diesem Bereich
immer wieder wie ein undurchdringliches Labyrinth. Dabei bin
ich aber in der glücklichen Lage, nicht um meinen Aufenthalt
(um meine Existenzberechtigung) kämpfen zu müssen.
Darüber hinaus sind mir die Regeln unserer Gesellschaft
natürlich vertraut, und ich habe im Arbeitsalltag meine
kompetenten KollegInnen in der Rechtsberatung hinter mir,
um etwaige Fragen zu beantworten. Es läßt sich
hier vielleicht erahnen, wie kryptisch dieses ganze Prozedere
für ein Kind aus einem anderen Kulturkreis sein muß.
Und dabei sind das lediglich die administrativen Hürden.
Hinzu kommen noch die meist sehr stark ausgeprägte psychische
Traumatisierung und ein schlechter Allgemeinzustand.
Trauma erzeugt Chaos
Verloren wie ein Vogel mit gebrochenen Flügeln, welcher
gerade aus dem Nest gefallen ist, landen sie dann bei uns
in der Psychotherapie. Jugendliche befinden sich zu dieser
Zeit meist in der post-traumatischen Schockphase. Trauma erzeugt
Chaos, welches keine Rekonstruktion ihrer Geschichte zuläßt.
Wer jedoch nicht fähig ist, eine geordnete und vollständige
Schilderung seiner Erlebnisse am Bundesasylamt darzustellen,
hat so gut wie keine Chancen auf einen positiven Bescheid.
Es fällt auf, daß gerade bei Jugendlichen die Dissoziation
(emotionale Abspaltung) noch ausgeprägter zu sein scheint,
als bei den meisten Erwachsenen. Versunken in ihrem inneren
Chaos aus schrecklichen Bildern, Schmerz, Orientierungslosigkeit
und unendlicher Einsamkeit und Trauer ist es ihnen nicht möglich,
Worte zu finden, um eine „gute Story“ für
das Bundesasylamt zu liefern. Dazu kommt häufig noch
ein eher niedriger Bildungsstand oder Analphabetismus. Jedoch
glaube ich, auch unsere „gut gebildeten“ Kinder
würden in solch einer miserablen psychischen und physischen
Verfassung an so einer Herausforderung in einem völlig
fremden Kulturkreis ebenso scheitern.
Als PsychotherapeutInnen versuchen wir, in der Zeit vor der
ersten Einvernahme mittels spezieller Kriseninterventionstechniken
(Debriefing) erste Bewältigungsmöglichkeiten zu
eröffnen. Mit Hilfe eines speziellen psychologischen
Testverfahrens können wir typische Folter-, Verfolgungs-
oder Hafterfahrungen sowie das Ausmaß der daraus resultierenden
Traumatisierung feststellen. (Natürlich mit allen Zweifeln,
welche sich hinter einer solchen Aussage mittels Testverfahren
stellen). Daraufhin erstellen wir eine psychotherapeutische
Stellungnahme, welche der Klient am Bundesasylamt vorlegen
kann. In diesen Stellungnahmen zeigen wir aber nur besonders
ausgeprägte Symptome auf. Hin und wieder gelingt es,
aufgrund der schweren Traumatisierung eine umsichtigere Befragung
oder wenn notwendig einen Aufschub der Einvernahme zu erreichen.
Therapeutische Interventionen
Die Erstellung des Tests und die ersten Kriseninterventionen
brauchen natürlich sehr viel Zeit, besonders wenn es
notwendig ist, sich mittels DolmentscherIn zu verständigen.
Aufgrund der Traumatisierung treten massive Konzentrationsschwierigkeiten
und Erinnerungslücken auf. Weiters fehlen oft die Worte,
um das Unbeschreibliche zu beschreiben, psychosomatische Beschwerden,
Vermeidungsverhalten, Übererregung und Dissoziation stehen
ebenfalls im Vordergrund. Die Traumasymptome lösen oft
die Angst „verrückt“ zu werden aus. Durch
die Psychoedukation wird deutlich, daß der Körper
und die Psyche bloß auf eine „ver-rückte
Welt“ reagieren.
In dieser neuen „ver-rückten Welt“ (Österreich)
gibt es für Minderjährige kaum Strukturen. Die neue
Welt ist wie ein Netz von geheimen Codes, welche man zwar
nicht kennt, aber danach handeln muß.
Es ist wichtig, Interesse und Verständnis für ihre
momentane Situation zu signalisieren, um durch die kontinuierlichen
Gespräche wieder ein Stück Stabilität zu schaffen.
Während der Flucht und in der Zeit davor erhalten sie
ja fast nur negative Botschaften aus ihrer Umwelt. Sie fühlen
sich wertlos und verloren. Es gibt niemanden mehr, der sie
erwartet, niemanden mehr, der ihnen zeigt, daß sie erwünscht
sind und daß es gut ist, daß es sie gibt. Diese
erste intensive therapeutische Begleitung erinnert dabei erst
wieder an eigene Ressourcen (internalisierte Ursprungsfamilie,
Überlebender zu sein u.s.w.), und hilft bei der ersten
Trauerarbeit.
Gewaltprophylaxe
Die Zeit der Adoleszenz ist bei normaler Entwicklung geprägt
von Größenphantasien und Identitätsfindung.
Diese wichtigen Entwicklungsphasen werden durch Gewalt-, Kriegs-,
Verfolgungs- und Foltererfahrungen sowie durch Diskriminierung
im Aufnahmeland fundamental gestört. Wenn kein Spielraum
für Verwirklichung und Identitätsfindung zur Verfügung
steht, kann sich dieses enorme Potential sehr leicht in Aggression
und Delinquenz wandeln.
Immer wieder beobachten wir, daß Jugendliche plötzlich
zu Geld kommen oder „Geschenke“ erhalten. Sie
werden von „Freunden“ eingeladen und es macht
den Anschein, als ob sie regelrecht für krumme Dinge
eingekauft werden würden. Der Verdacht, für Drogengeschäfte
„präpariert“ zu werden, liegt oft nahe. Mädchen
bekommen plötzlich die Gelegenheit „gratis“
privat zu wohnen und werden dann nie mehr gesehen. Hübsche
|